Eine Frau in ziviler Kleidung und ein Soldat in Uniform halten sich bei der Hand

Seite an Seite – der unsichtbare Dienst in der Bundeswehr

„Laut gedacht“ Nr. 2

Militär-Konvois rollen durch die Straßen, manchmal hört man Schüsse. 

Was Menschen andernorts einen Schauer über den Rücken jagt, wundert hier, wo ich lebe, niemanden. Die Region Munster/Bergen ist der größte zusammenhängende militärische Übungsraum Westeuropas. Die Bundeswehr ist allgegenwärtig. Olivgrüne Uniformen sind im Stadtbild, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in vielen Haushalten nichts Besonderes. Es gibt öffentliche Gelöbnisse, Straßensperrungen aufgrund größerer Übungen und – hinter den Soldatinnen und Soldaten – viele Angehörige, Lebens- und Ehepartner*innen und Kinder, deren Leben stark vom militärischen Rhythmus geprägt ist.

In meinem Leben spielte die Bundeswehr überhaupt keine Rolle. Bis ich vor über 20 Jahren meinen Mann kennenlernte. Niemand in meinem Umfeld hatte gedient, ich kam aus einer pazifistischen, katholischen Familie, ohne Berührungspunkte zu jenem Arbeitgeber, der mit dem – für mich sehr befremdlichen – „Befehl und Gehorsam“ agiert.

Wo die Liebe hinfällt… Mit Anfang zwanzig war ich Soldatenfrau, mein Mann im Sanitätsdienst der Bundeswehr, erst als Zeit-, später als Berufssoldat. An dieser Stelle sei nur so viel gesagt: Es gibt einen Grund, warum ich zusammen mit dem Familiennetzwerk SIMBAV e.V ehrenamtlich den „Treffpunkt für Soldatenfrauen*“ ins Leben gerufen habe.

Denn bei kaum einem anderen Arbeitgeber greift der Dienst so stark in Partnerschaft und Familienleben ein. In der Soziologie, insbesondere der Militärsoziologie, werden Streitkräfte als sogenannte „Greedy Institutions“ – also: besitzergreifende Institutionen klassifiziert. Das bedeutet, sie fordern ein Maß an zeitlicher, örtlicher und loyaler Bindung, die zivile Arbeitgeber in dieser Form nicht einfordern können und dürfen.

Die Abwesenheitsraten der Soldatinnen und Soldaten durch Lehrgänge, Übungen oder Auslandseinsätze sind hoch. Hinzu kommen extreme Mobilitätsanforderungen. Versetzungen quer durch die Republik zwingen zum Pendeln oder trennen Familien von ihren Unterstützungsnetzwerken. Darüber hinaus schwingt das existenzielle Berufsrisiko (Gefahr für Leib und Leben, Posttraumatische Belastungsstörung, etc.) als permanente Grundanspannung mit. Zwar zeigt die Bundeswehr durchaus formale Aufmerksamkeit für die Angehörigen der Frauen und Männer im Dienst und bietet vielfältige Unterstützungsangebote für Familien. Was jedoch oft ausbleibt, sind echte Wertschätzung und Verständnis für deren Belastung im Alltag.

Auch wenn die Partnerin eines Soldaten selbt keine Uniform trägt, wird von ihr eine permanente, außergewöhnliche Anpassungsleistung erwartet, die zu einer tiefen Erschöpfung führen kann. Erschwerend kommt der Blick von außen hinzu: Weil die Wahl des Partners freiwillig war, wird vorausgesetzt, dass Soldatenfrauen alle damit verbundenen Herausforderungen geräuschlos und klaglos stemmen – oft neben der eigenen Berufstätigkeit. Eine hohe persönliche Belastung oder erkennbare Spuren an der körperlichen oder mentalen Gesundheit sind dabei nicht vorgesehen. „Du hast es Dir doch ausgesucht!“ Ein Totschlagargument. 

Wie hoch die Ambivalenz bei Soldatenfrauen bezüglich des Dienstes in der Bundeswehr sein kann, sehe ich häufig in meinen Beratungssitzungen und Veranstaltungen. Spürbar sind die große Dankbarkeit für die finanzielle und soziale Absicherung, ein Gefühl von Stolz, Anerkennung und Wertschätzung für die Opfer, die ihre Partner bereit sind, für dieses Land zu erbringen.

Wenn die Beziehung sicher und der Raum geschützt ist, zeigt sich jedoch auch die andere Seite. Denn da sind auch Wut, Hilflosigkeit, Frustration und eine tiefe Traurigkeit. Darüber, so oft im Alltag allein zuständig und allein verantwortlich für die Familie zu sein. Gefühlt eine halbe Partnerschaft durch Fern- und Wochenendbeziehung zu führen. Darüber, nur zu Gast in der Welt des Soldaten und manchmal auch zu Gast im eigenen Leben zu sein. Lücken zu schließen. Auszuführen, statt zu gestalten. Eigene Interessen oder berufliche Ziele über lange Zeit hinter den Dienstplan des Partners zu stellen, der sich – je nach Verwendung und Dienstgrad – jederzeit ändern und gemeinsame Pläne wie Urlaub, Familienfeiern, etc., durchkreuzen kann.  

Das Rampenlicht, die Medaillen und die feierliche Anerkennung gelten der Uniform. Im Hintergrund arbeiten derweil die Managerinnen der Familie. Sie durchlaufen eine harte Schule, werden zu Expertinnen für Krisenintervention und emotionale Stabilisierung des gesamten Systems. Sie leisten die umfassende, praktische Versorgung, die militärische Karrieren UND ein gelingendes Familienleben überhaupt erst ermöglicht. Als Ausgleich erhalten sie Trennungsgeld, dankende Worte, Ausflugsangebote oder Kur-Aufenthalte. 

Der Bundeswehrsozialdienst, die Familienbetreuungszentren, die Militärseelsorge und viele kooperierende Dienste leisten hervorragende Arbeit bei der Unterstützung von Soldat*innen und deren Familien. Was meiner Meinung nach dennoch fehlt, sind – wie so oft – Sichtbarkeit und Anerkennung für eine Lebensrealität, die Soldatenfrauen und auch deren Kindern einiges gibt, aber ebenso einiges abverlangt. 

Am 15.06. ist der nationale Veteranentag. Wenn wir den Hauptdarsteller*innen auf der Bühne unseren Dank und Applaus gespendet haben, würde ich gern den Vorhang aufziehen und alle Aufmerksamkeit und Scheinwerfer auf jene im Dienst hinter den Kulissen richten. Denn an diesem Tag geht es nicht nur um die Menschen in Uniform, sondern auch um die Menschen, die jeden Tag und unter oftmals schwierigen Bedingungen für die tatsächliche Vereinbarkeit von Familie und Dienst in der Bundeswehr sorgen.

Der folgende Brief ist ein authentisches Dokument aus einem Beratungsprozess vor mehreren Jahren. Er diente der inneren Klärung, wird mit Einverständnis der Verfasserin anonymisiert veröffentlicht und steht exemplarisch für die oft unsichtbare Perspektive der Menschen, die Seite an Seite mit Soldatinnen und Soldaten leben:

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Liebe Bundeswehr,

seit 13 Jahren gehörst Du zu meinem Leben. Nicht unbedingt, weil ich es will, sondern weil ich es in Kauf nehmen muss. Obwohl ich und meine Familie sehr von Dir profitieren, obwohl ich die Entscheidung meines Mannes für Dich verstehe, bleibst Du mir immer noch suspekt.

Du gibst uns finanzielle und berufliche Sicherheit, was uns manche Freiheiten schenkt. Aber immer wieder nimmst Du so viel Einfluss auf unser Leben, auf das WANN, das WO und das WIE.

Deinetwegen habe ich Angst, dass ich bald wieder allein bin, dass wir unser Haus vielleicht doch wieder verkaufen müssen, dass wir hier doch nicht heimisch werden können. Deinetwegen habe ich Angst um das Leben meines Mannes. Deinetwegen bin ich angreifbar für Menschen ohne Weitblick. Ich bin Projektionsfläche für Wut, Unverständnis, Missbilligung. (…)

Ich habe viele nette, aufgeschlossene und warmherzige Menschen kennengelernt, die mit Dir zu tun haben. Auch mein Horizont hat sich durch Dich verändert. Aber was mir immer bleiben wird, ist die Angst.

Manchmal hasse ich, dass Du zu unserem Leben gehörst. Manchmal bin ich froh darüber. Wir werden uns miteinander arrangieren. Dass es jemals mehr werden wird, kann ich nicht versprechen.

Du bist anstrengend und ich gehöre nicht dazu. Ich bin Dir dankbar, aber ich bleibe skeptisch.

Auf die nächsten 13 Jahre.

Deine S.

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Vielleicht erkennst Du Dich in manchen Worten wieder. Vielleicht willst Du widersprechen, vielleicht machen sie Dich künftig aufmerksamer.

So oder so – am diesjährigen Veteranentag sage ich: 

Vielen Dank für Euren Dienst!

Vor UND hinter den Kulissen.

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In der Rubrik „Laut gedacht“ teile ich meine persönlichen Gedanken und Beobachtungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn Du mir dazu etwas rückmelden möchtest, schreib mir gern an info@gundlach-beratung.de. 

Und wenn Du ebenfalls Dein Leben an der Seite eines Soldaten führst, bist Du herzlich eingeladen zum „Treffpunkt für Soldatenfrauen“ im SIMBAV Familienforum Rotenburg (Wümme). Alle Informationen und den Link zur Anmeldung erhältst Du bei Eventbrite.de.

*) Ein kurzes Wort zur Schreibweise: Mir ist bewusst, dass Partnerschaften und Familienkonstellationen vielfältig sind und die Realität deutlich komplexer ist als das klassische Bild von Soldat und Soldatenfrau. Wenn ich in diesem Beitrag auf das Gendern verzichte und explizit die zivile weibliche Perspektive in heterosexuellen Beziehungen mit Soldaten wähle, hat das einen einfachen, pragmatischen Grund: Es ist die Lebensrealität, die mir in meiner Arbeit und in den Beratungssitzungen bisher ausschließlich begegnet. Mir geht es im Kern um die geteilten Themen, die Belastungen und die systemischen Dynamiken – nicht primär um das Geschlecht. Ich danke Dir für Dein Verständnis, dass ich diese Komplexität zugunsten der Lesbarkeit und meiner persönlichen Praxis-Erfahrung an dieser Stelle reduziere.

Ich freue mich auf Sie!

Gemeinsam finden wir die passende Lösung.

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