Warum Beziehungspflege kein Wellness-Termin ist
„Laut gedacht“ Nr.1
Heute treffe ich eine Freundin, mit der ich vor 16 Jahren meine erste Beratungs-Weiterbildung absolviert habe. Wir haben in letzter Zeit sporadisch Kontakt gehalten – hier und da eine Sprachnachricht, ein kleiner Kommentar zu einem Post auf Social Media. Aber keine großen Telefonate, kein regelmäßiger Check-in beieinander. Jetzt hat sie mich eingeladen. Etwa 12 Jahre haben wir uns nicht gesehen und ich freue mich sehr auf unser Treffen – ich bin sogar etwas aufgeregt, wie bei einem Blind Date.
Ich schrieb gerade: „Ich treffe eine Freundin“ und bin selbst kurz darüber gestolpert. Ist das Freundschaft? Bekanntschaft? Verbundensein über lange Zeit? Wie bezeichnet man das, was wir als Erwachsene manchmal unter dem Begriff „Freundschaft“ führen, und was sich doch so sehr unterscheidet von der „Freundschaft“ aus Kinder- und Jugendtagen?
Die Sache mit den Freundschaften im Erwachsenenalter beschäftigt mich schon eine Weile. Und wenn ich darüber spreche, stelle ich fest: Ich bin damit nicht allein. Ich höre Geschichten von gut gealterten Jugendfreunden, mit denen man früher schon um die Häuser gezogen ist, von Helfer*innen in höchster Not, von aus-dem-Ruder-gelaufenen Spieleabenden, gemeinsamen Urlaubsfreuden, verrückten Erlebnissen.
Und zwischendrin immer wieder: Bedauern. Darüber, dass manche Kontakte nicht gehalten haben, dass die Zeit fehlt, um sich regelmäßig zu sehen, dass jedes Treffen mit mehreren Wochen Vorlauf geplant werden muss, dass Spontaneität und Nähe fehlen.
Vielleicht hast du Lust, mitzumachen bei einer kleinen Bestandsaufnahme:
Angenommen, du bist jetzt schon eine ganze Weile so richtig erwachsen, hast vielleicht einige Male den Wohnort und den Arbeitsplatz gewechselt, vielleicht auch den / die Partner*in. Die Kinder sind „aus dem Gröbsten raus“ – was immer das heißt – und der Alltag, mit all seinen Verpflichtungen, hat dich fest im Griff.
Wie viele gute Freund*innen kannst du benennen?
Wie viele davon bemühen sich, den Kontakt zu dir zu halten oder um ein Treffen?
Mit wie vielen davon unternimmst du etwas – außerhalb von Kaffee-/Wein-/Bier-Trinken und reden?
Bei wem davon könntest du – egal in welchem optischen oder emotionalen Zustand – eine offene Tür und ein offenes Ohr finden?
Egal wie hoch die von dir benannte Zahl ausfällt – bist du damit zufrieden? Oder wünschst du dir eigentlich ein paar mehr erwachsene Freunde, die wirklich an dir interessiert sind? Mit denen es leicht ist?
Nicht nur Bekannte, die man als Erziehungspersonen der Kinderfreundschaften „gratis dazu bekommt“, die aber zunehmend, mit dem Älterwerden der Kinder, auch wieder aus dem Leben verschwinden. Auch nicht die Netzwerk-Bekanntschaften, die dir sympathisch sind, bei denen du dich freust, sie immer wieder zu treffen, die aber nichts über deine Biografie, deine Herausforderungen oder schlechten Angewohnheiten wissen.
So richtige Freunde eben. Die Anteil nehmen an deinem Leben, mit denen du albern sein kannst. Die manchmal etwas Selbstloses tun, dir die Stirn bieten und dich herausfordern. Mit denen du im Clinch liegen kannst, ohne dass die Beziehung ernsthaft darunter leidet?
Es gibt einige frustrierende Erfahrungen im Erwachsenenleben. Das spürbare Verschwinden von Freundschaften ist für viele sicher eine davon. Und niemand forciert das mit Absicht. Zwischen Familien- und Erwerbsarbeit, die in einer bestimmten Zeit getan werden müssen, Hobbys, Ehrenamt und Besuchen bei der Verwandtschaft scheint Freundschaftspflege in den Prioritäten weit hintenan zu stehen.
Freunde zu treffen oder sich Zeit dafür zu nehmen, wirkt im Erwachsenenalter fast wie ein Wellness-Termin. Immer schön und erholsam, aber im Zweifelsfall verschiebbar. Selbst bei einem Frisörbesuch könnten wir uns das nicht ewig erlauben – denn man würde es uns schlichtweg ansehen, wenn sich länger niemand um uns bzw. unsere Haare gekümmert hat.
Wenn wir aber inzwischen schon einen Frisörbesuch als „Auszeit“ und „Me-Time“ beschreiben – also das Selbstverständlichste auf einen Sockel heben – vergessen wir häufig eins: Haare schneiden und Freundschaftspflege sind unterm Strich ganz einfach: notwendig.
Ohne das „verlottern“ wir ein wenig – optisch, sozial, emotional. Denn beides ist wahr: Manchmal brauchen wir Ruhe, um zu Kräften zu kommen. Und manchmal tanken wir auf unter Menschen, die uns mögen und mit denen es leicht ist.
Freundschaft zu schließen scheint in Kindertagen einfacher zu sein. Spielen, basteln, Fahrrad fahren. Später büffeln, abhängen, ausgehen und uns gegenseitig beim Start ins Erwachsenenleben begleiten. Die Dinge, die wir ohnehin getan haben, haben wir eben gemeinsam getan. An Orten, die wir gemeinsam besucht und durchlaufen haben.
Und ich frage mich: Was wäre eigentlich die „Erwachsenen-Edition“ davon? Also von den Dingen, die sowieso getan werden müssen und die man vielleicht gemeinsam tun könnte?
Bilder entstehen vor meinem Auge. Gemeinsam Wäsche falten. Gemeinsam die Hecke schneiden – reihum im Freundeskreis und dafür von Grundstück zu Grundstück ziehen. Gemeinsam kochen – nicht als Event, sondern im Alltag. Einfach, weil alle essen müssen.
Freundschaft findet im Erwachsenenalter nicht mehr nebenbei statt. Aber vielleicht könnte sie gerade deswegen ein bisschen mehr Alltag, ein bisschen mehr „Nebenbei“ ganz gut vertragen?
Mir kommt eine Redewendung in den Sinn: „Friendships are for a reason, a season or a lifetime.“ Vielleicht haben wir auch deswegen so wenig „echte Freunde“, weil wir unser Sichtfeld per Definition einengen? Indem wir die „wahren Freunde“ auf ein Treppchen stellen und dabei die unverzichtbaren Wegbegleiter übersehen, die etappenweise, mit einigem Abstand und trotzdem spürbar an unserer Seite sind.
Im Studium habe ich über einen Artikel aus dem British Journal of Psychiatry referiert. Die Erkenntnisse aus einem Versuch der Cambridge University zeigen: Wenn man Menschen mit einer Depression mit anderen Menschen in Kontakt bringt und diese regelmäßig Zeit miteinander verbringen – ganz egal, wie sie sie nutzen –, sinkt die subjektive Belastung bei den psychisch Erkrankten um ein Vielfaches. „Befriending“ wirkt stabilisierend, verringert Regressionen und wirkt als starker, gesund erhaltender Faktor – unabhängig davon, ob diese Freundschaft als eine tiefe Verbindung oder nur als ein regelmäßiger Kontakt mit einer zugewandten Person empfunden wurde. Wenn wir über mentale Gesundheit, Wohlbefinden und Verbundensein sprechen, ist inzwischen gängiger Konsens: Jeder freundliche Kontakt zählt.
Dementsprechend wäre ein erster Schritt gegen das Bedauern von zu wenig Freundschaften vielleicht eine veränderte Definition von Freundschaft. Manche ergeben sich aus einem guten Grund oder für eine gewisse Zeit. Und um andere, die wir nicht verlieren wollen, sollten wir uns kümmern.
Was bei der Freundschaftspflege jedenfalls hilfreich ist, ist eine Einladung. Mit Ort- und Zeitangabe. Und auch ein wenig Freude an Verbindlichkeit auf allen Seiten.
Es ist schön, eingeladen zu werden. Dann, so stelle ich fest, ist die Zeitspanne, die zwischen den Treffen liegt, gar nicht so wichtig. Denn dann ist man JEMANDEM wichtig. Nicht früher einmal oder irgendwann später. Sondern jetzt.
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In der Rubrik „Laut gedacht“ teile ich meine persönlichen Gedanken und Beobachtungen – ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Wenn du mir deine Gedanken dazu mitteilen möchtest, schreib mir sehr gern an: info@gundlach-beratung.de. Ich freue mich von dir zu lesen!